10 Jahre Ratgeber Sanierung
Expertenwissen

Gesundheitsgefahren durch Schimmel im Haus

Nicht nur Schimmel, auch unsachgemäße Sanierung hat Risiken

Schimmel
 
Mögliche Gesundheitsgefahren durch Schimmelpilze werden oft instrumentalisiert, wenn es im Rahmen von Streitigkeiten darum geht, einen Sachverhalt zu dramatisieren oder den Umfang einer Sanierung zu begründen. Dabei sind mögliche Gesundheitsgefahren deutlich komplexer zu sehen und zu bewerten. Experte Frank Frössel zeigt, dass eine mögliche Gesundheitsgefahr nicht nur durch Schimmelpilzsporen und mikrobielle Partikel verursacht wird.
Schimmelsanierung in einer DuscheckeBild größer anzeigen
Vorsicht bei der Schimmelsanierung: Nicht nur die Schimmelsporen, sondern auch der bedingungslose Einsatz von Desinfektionsmitteln oder das unnötige Freisetzen von mikrobiellen Stäuben können zu Gesundheitsgefahren führenFoto: aus Frank Frössel "Schimmelpilze in Wohnungen" (Baulino Verlag)

Nicht nur die Sporen in der Ecke oder an der Fensterlaibung sind kritisch zu sehen, sondern auch der bedingungslose Einsatz von Desinfektionsmitteln oder das unnötige Freisetzen von mikrobiellen Stäuben können zu Gesundheitsgefahren führen. Die Gesundheitsbelastung durch Schimmelpilze sollte mit den individuellen Reaktionen der Bewohner abgeglichen werden. Experten teilen diese in Risikogruppen ein. So reagieren gesunde Erwachsene anders auf eine Schimmelpilzbelastung, als Allergiker, Kleinkinder, Senioren oder auch Raucher. Bisher völlig unterschätzt wird auch die Tatsache, dass durch viele unsachgemäße Sanierungen mehr gesundheitliche Risiken verursacht werden, als durch den Schimmelpilz jemals bestanden haben.

Differenzierte Innenraumdiagnostik hilft bei Suche nach Ursachen
Das gesundheitliche Risiko im Zusammenhang mit Schimmelpilzen wird oftmals mit allergischen oder toxischen Reaktionen sowie Infektionen beschrieben. Dies ist grundsätzlich auch richtig. Allerdings spielen in normal bewohnten Innenräumen Infektionen keine Rolle (die sind mehr ein Thema in Krankenhäusern). Auch toxische Reaktionen können kaum auftreten. Dafür müssten extrem hohe Konzentrationen über einen relativ langen Zeitraum eingeatmet werden (z. B. in Kompostier-Anlagen). Deshalb reduzieren sich die meisten Innenraumbelastungen im Zusammenhang mit Schimmelpilzen auf Allergien. Deren Zusammenhang herzustellen ist nicht so einfach, da die Symptome oftmals auch durch andere Quellen verursacht werden können. Deshalb ist eine differenzierte Innenraumdiagnostik ganz wesentlich, um die wirkliche(n) Ursache(n) festzustellen.

Komplett unterschätzt werden in dem Zusammenhang die gesundheitlichen Belastungen durch Bakterien. Weiterhin muss berücksichtigt werden, wann entsprechende Symptome auftreten, da zum Teil ein erheblicher Unterschied zwischen saisonalen und ganzjährigen Schimmelpilzen besteht. So gehören zu den saisonalen Schimmelpilzen z. B. Alternaria spp. und Cladosporium spp. Für die ganzjährige Belastung durch Schimmelpilze sind dagegen z. B. Aspergillus spp. und Penicillium spp., aber auch Candida albicans und Trichophyton spp. verantwortlich. In Folge dessen hält sich in der Praxis hartnäckig die Faustregel, dass bei ganzjährig auftretenden Beschwerden die Ursachen primär innerhalb des Hauses oder der Wohnung zu suchen ist, und bei saisonalem oder temporärem Auftreten die Ursachen hauptsächlich außerhalb des Hauses liegen.

Auch von verstecktem Schimmelbefall gehen Gefahren aus
Häufig wird der Eindruck vermittelt, dass Erkrankungen nur bei intensivem Schimmelpilzbefall auftreten können und sich diese dann entweder in Allergien (Inhalation von Sporen) oder Infektionen (Nahrungsaufnahme) ausdrücken (die dann auch nur bei Personen mit geschwächtem Immunsystem auftreten). Richtig ist allerdings, dass bereits sehr geringe Mengen Schimmelpilzsporen ausreichen können, um allergene Reaktionen auszulösen. Und auch von verstecktem Befall kann eine große Gefahr ausgehen, so dass auch die Größe des Befalls kein Maß mehr für das gesundheitliche Risiko ist. Noch eher unbekannt ist die Tatsache, dass bestimmte Schimmelpilze sehr potente Giftstoffe (Mykotoxine) produzieren können. Diese sind in der Regel in den Sporen enthalten. Unter bestimmten Umgebungsbedingungen können diese leicht luftgängig werden und in Folge dessen zu einer signifikanten Kontaminierung der Innenraumluft beitragen. Heute geht man davon aus, dass ca. 100 Schimmelpilzarten von klinischer oder umweltmedizinischer Bedeutung sind.

Fast alle Schimmelpilze sind in der Lage, allergische Reaktionen auszulösen. Dies ist im Wesentlichen auch von der jeweiligen Konstitution und dem Immunsystem der Bewohner abhängig. Auslöser sind im Wesentlichen die Sporen der Schimmelpilze, die auf der Haut oder durch Inhalation in die Atemwege aufgenommen werden. Unter einer Allergie versteht man eine Abwehrreaktion des Immunsystems auf bestimmte und normalerweise für den Körper harmlose Umweltstoffe, die auch als Allergene bezeichnet werden. Auf diese Eindringlinge reagiert der menschliche Organismus mit der Bildung von Antikörpern, den sog. Antigenen. Die Auswirkungen bei der Aufnahme über die Atemwege können sich entweder als Sofortreaktion (so genannte Typ-I-Reaktion) oder als exogen allergische Alveolitis, eine Überempfindlichkeit der Typ-III-Reaktion, zeigen. Zu den Schimmelpilzarten, die häufig zu Sensibilisierungen und allergischen Reaktionen führen, gehören die Gattungen Cladosporium, Aspergillus, Penicillium, Mucor, Rhizopus und Botrytis.

Reizende und toxische Wirkung von Mykotoxinen
Des Weiteren kann es durch die Aufnahme von sogenannten Mykotoxinen (Giftstoffe) zu reizenden oder sogar toxischen Wirkungen kommen, die als Mykotoxikose bezeichnet wird. Mykotoxine sind natürliche Stoffwechselprodukte einiger Schimmelpilzarten, die unter bestimmten Voraussetzungen gebildet werden. Von ihnen wurden bisher über 300 verschiedene Arten beschrieben. Auch in Bezug auf die Mykotoxine gilt wieder, dass ein starkes Schimmelpilzwachstum nicht automatisch oder gleichzeitig mit einer starken Toxinbildung gleichgesetzt werden darf. Dies bedeutet im umgekehrten Sinne, dass ein schwach ausgebildetes Wachstum dennoch eine starke Toxinbildung zur Folge haben kann. Mykotoxine befinden sich entweder auf dem Substrat (Untergrund) oder werden über Sporen in der Raumluft verteilt.

Mykotoxine können nicht nur toxisch (giftig) auf den Organismus, sondern auch mutagen (verändernd), dermatotoxisch (Haut schädigend), neurotoxisch (Nerven schädigend), karzinogen (Krebs erregend) und teragen (fehlbildend) wirken. Von den innenraumrelevanten Schimmelpilzen müssen die Toxine der Gattungen Aspergillus, Penicillium, Stachybotrys und Fusarium genannt werden, die noch einmal innerhalb ihrer Gattungen erhebliche Unterschiede in den Spezies aufweisen. Hierbei sollen die Arten Aspergillus flavus, Aspergillus fumigatus und Aspergillus niger besonders hervorgehoben werden. Sie wirken nicht nur hoch toxisch, sondern auch mutagen, karzinogen, teratogen und nephrotoxisch (Nieren schädigend) und können darüber hinaus epilepsieartige Symptome und sogar Systemmykosen der Lunge verursachen. In Einzelfällen wurde so gar schon nachgewiesen, dass sie in Blutgefäße einbrechen und Blutungen verursachen (hämorrhagisch) oder sich in andere Organe zerstreuen. Sie stellen generelle Giftstoffe für das Zellsystem dar. Man geht heute davon aus, dass die größte Gefährlichkeit unter den Mykotoxinen vom Aflatoxin ausgeht, da es ein extrem hohes kanzerogenes Potenzial aufweist.

Eine Übersicht zeigt die wichtigsten Mykotoxine und ihre verschiedene Wirkung auf den Organismus (pdf-Datei)

Mykotoxine können direkt oder indirekt Teile des Immunsystems manipulieren und Teilfunktionen der Immunabwehr ausschalten. Trichothecene z. B. wirken direkt Zell tötend und können z. B. die DNA-Synthese beeinflussen. Außerdem können sie die Funktion der Lymphozyten hemmen, so dass die körpereigene Immunabwehr von exponierten Personen nach entsprechender Einwirkung geschwächt wird und Infektionen mit Viren, Bakterien und Pilzen freien Zugang zum Organismus bekommen. Im Gegensatz zu den Toxinen der Bakterien führen Mykotoxine aufgrund ihres niedrigen Molekulargewichtes zu keiner Antikörperbildung. Das Immunsystem ist in Folge dessen in der Regel nicht in der Lage, die Mykotoxine zu erkennen. Dies ist deshalb besonders gefährlich, da in Folge dessen ein aktiver Schutz durch die Bildung von Antikörpern ausbleibt.

Abschließend soll noch einmal ganz deutlich betont werden, dass allein die Anwesenheit von Toxin bildenden Schimmelpilzarten nicht automatisch bedeutet, dass diese auch tatsächlich gebildet werden. Es ist ein Indikator und sollte entsprechend ernst genommen werden! Des Weiteren soll noch einmal erwähnt werden, dass reizende und/oder toxische Wirkungen aufgrund von mikrobiellem Befall in Wohnungen nur in absoluten Ausnahmen bisher nachgewiesen wurden oder denkbar sind.

Bei Sanierung auf Zusammensetzung der Präparate achten
Hausbesitzer, Mieter und Vermieter sollten unbedingt darauf achten, welche Mittel bei der Schimmelpilzsanierung eingesetzt werden, da einige Präparate über eine sehr giftige Zusammensetzung verfügen. Entsprechende Zulassungen und Nachweise über die Eignung in Innenräumen sollten genauso gefordert werden wie alternative Sanierungen ohne Biozide. Das betrifft allerdings nicht den Einsatz hoch alkalischer Kalkputze oder Silikatfarben. Diese wirken temporär schimmelpilzhemmend, dienen aber nicht zur Sanierung eines mikrobiellen Befalls. Außerdem muss bei der Sanierung darauf geachtet werden, dass Durchzug und unnötige Verwirbelungen vermieden werden, da hierdurch Sporen aufgewirbelt werden und die Betroffenen ebenfalls mikrobiell belasten. Gleiches gilt für die Abschottung des befallenen Bereiches gegenüber den "sauberen" Bereichen.

 
 
 
Quelle: Frank Frössel
 
 
 
 

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